
Da viele Menschen mit einem Abnehmwunsch zu mir kommen, möchte ich hier kurz auf ein paar Punkte im Zusammenhang mit dieser Thematik eingehen.
In unserem Gesundheitssystem steht häufig das Thema Körpergewicht im Mittelpunkt. Viele Menschen stellen sich die Frage: Muss ich abnehmen, um gesund zu sein? Oder gibt es auch andere Wege, die Gesundheit zu fördern – unabhängig vom Gewicht?
In diesem Artikel möchte ich einen Überblick über aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse geben und zeigen, wie ein gewichtsneutraler Ansatz in der Ernährungsberatung aussehen kann.
Gesundheit ist mehr als eine Zahl auf der Waage
Zahlreiche Studien zeigen, dass Gesundheit durch viele Faktoren beeinflusst wird – darunter Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stressbewältigung und auch soziale Beziehungen. Das Körpergewicht ist dabei ein Aspekt unter vielen, jedoch nicht der allein entscheidende.
Beispiel: Eine Person mit höherem Körpergewicht, die ein gesundes Essverhalten hat, sich regelmäßig bewegt und ausreichend schläft, kann gesünder sein als eine schlankere Person mit Bewegungsmangel, unregelmäßigem Essverhalten und hohem Stresslevel.
Wann ist Gewichtsreduktion medizinisch notwendig?
Es gibt Situationen, in denen medizinische Gründe für eine Gewichtsreduktion sprechen – zum Beispiel bei bestimmten orthopädischen oder metabolischen Erkrankungen. Wichtig ist jedoch:
- Die Entscheidung sollte individuell und fachlich fundiert getroffen werden
- Eine reine Orientierung am BMI ist nicht ausreichend, da dieser keine Aussagen über Körperzusammensetzung, Lebensstil oder Gesundheitsverhalten trifft
- Eine Gewichtsreduktion ist nicht immer die einzige oder beste Maßnahme, um Gesundheit zu verbessern
Herausforderungen klassischer Diäten
Viele Menschen versuchen, ihr Gewicht mit strengen Diäten zu verändern. Doch Studien zeigen, dass diese Strategien oft nicht nachhaltig sind:
- Gewicht wird häufig wieder zugenommen („Jo-Jo-Effekt“)
- Diäten können Essverhalten und Körperbild negativ beeinflussen
- Langfristig steigt bei vielen die Frustration, Selbstzweifel oder sogar das Risiko für eine die Entwicklung einer Essstörung
Ein alternativer Zugang: Gewichtsneutrale Beratung
In meiner Arbeit als Diätologin orientiere ich mich am Health at Every Size® (HAES)-Ansatz sowie an den Prinzipien der intuitiven Ernährung nach Evelyn Tribole und Elyse Resch. Das bedeutet:
- Der Fokus liegt auf dem Aufbau eines gesunden, nachhaltigen Lebensstils und Essverhaltens, nicht auf der Gewichtsveränderung
- Es geht um die Stärkung der Körperwahrnehmung, den Abbau von Schuldgefühlen rund ums Essen und eine achtsame Beziehung zum eigenen Körper
- Gesundheit wird als individuelles, vielfältiges Konzept verstanden
Was sagt die Forschung?
Aktuelle Studien legen nahe, dass Verhaltensveränderungen unabhängig vom Gewicht (und Gewichtsverlust) positive Effekte auf die Gesundheit haben können:
- Besseres Blutzucker- und Lipidprofil
- Verbesserte psychische Gesundheit
- Mehr Lebensqualität und Bewegungsfreude
Auch der bewusste Umgang mit Stigmatisierung und Diskriminierung, die viele mehrgewichtige Menschen erleben, spielt dabei eine zentrale Rolle: Gewichtsstigma kann Stress erhöhen, zu Vermeidung von medizinischer Betreuung führen und das Wohlbefinden beeinträchtigen – daher nachfolgend dazu noch ein paar Worte.
Gewichtsbezogene Diskriminierung – ein relevanter, oft übersehener Einflussfaktor
Ein Aspekt, der in der Diskussion rund um Körpergewicht und Gesundheit häufig zu wenig Beachtung findet, ist die gesellschaftliche und strukturelle Diskriminierung mehrgewichtiger Menschen. Untersuchungen zeigen, dass viele Betroffene im Alltag, im beruflichen Umfeld und auch in medizinischen Kontexten mit Vorurteilen oder abwertenden Kommentaren konfrontiert werden.
Auch ich habe leider von Kund*Innen schon viele Erfahrungsberichte dazu gehört.
Diese Erfahrungen wirken sich nicht nur auf das psychische Wohlbefinden aus, sondern können auch zu gesundheitlich relevanten Verhaltensänderungen führen – etwa zur Vermeidung von Bewegung, emotionalem Essen oder dem Zurückziehen aus sozialen und medizinischen Situationen. Langfristig kann dies gesundheitliche Folgen haben, unabhängig vom Körpergewicht selbst.
Für eine nachhaltige Gesundheitsförderung ist es daher zentral, dass Beratung und medizinische Begleitung frei von Bewertungen und stigmatisierenden Annahmen erfolgt – und stattdessen auf Vertrauen, Empathie und individueller Unterstützung basiert.
Fazit: Abnehmen – manchmal sinnvoll, aber nicht immer notwendig
Ob eine Gewichtsveränderung notwendig oder hilfreich ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Die bessere Frage lautet oft: Wie kann ich meine Gesundheit stärken – auf eine Weise, die mir guttut, nachhaltig ist und mich nicht unter Druck setzt?
Ein gewichtsneutraler Zugang bietet dafür einen respektvollen, individuellen Rahmen, in dem nicht das Körpergewicht im Mittelpunkt steht, sondern das Wohlbefinden und die Lebensqualität.
Du möchtest deinen eigenen Weg finden?
Ich begleite dich gerne in deiner Auseinandersetzung mit Ernährung, Gesundheit und Körperbild – ohne Druck, ohne Diätvorgaben, ohne Bewertung. Im Mittelpunkt stehst du – nicht dein Gewicht.

Quellen:
- Herpertz, S., de Zwaan, M., & Zipfel, S. (Hrsg.). (2015). Handbuch Essstörungen und Adipositas (2. Aufl.). Springer Verlag.
- Puhl, R. M., et al. (2017). Experiences of Weight Teasing in Adolescence and Weight-related Outcomes in Adulthood: A 15-Year Longitudinal Study. Obesity, 25(9), 1730–1736.
- Pont, S. J., et al. (2017). Stigma Experienced by Children and Adolescents With Obesity. Pediatrics, 140(6), e20173034.
- Bacon, L., & Aphramor, L. (2011). Weight Science: Evaluating the Evidence for a Paradigm Shift. Nutrition Journal.
- Puhl, R. M., & Latner, J. D. (2007). Stigma, Obesity, and the Health of the Nation’s Children. Psychological Bulletin.
- Tylka, T. L., & Wilcox, J. A. (2006). Are intuitive eating and eating disorder symptomatology opposite poles of the same construct? Journal of Counseling Psychology.
- Tribole, E., & Resch, E. (2020). Intuitive Eating: A Revolutionary Program That Works (4. Auflage). St. Martin’s Griffin.
- Fiechtl, C. (2024). Integrative Ernährungspsychologie: Psychologie und Therapie des Essverhaltens. Kohlhammer Verlag. ISBN: 978-3-17-043592-6.
