Wir alle neigen dazu, Menschen innerhalb von Sekunden in Schubladen zu stecken – oft unbewusst. Das passiert nicht nur in Bezug auf Aussehen, Kleidung, Beruf oder Verhalten, sondern auch beim Körpergewicht.
Gerade mehrgewichtige Menschen erleben es immer wieder: Ihr Körper wird zum alleinigen Maßstab für Annahmen über ihre Gesundheit, ihren Lebensstil oder sogar ihren Charakter. Diese vorschnellen Urteile können nicht nur verletzen, sondern auch gravierende Folgen für das Leben der Betroffenen haben.

Was bedeutet gewichtsbezogene Diskriminierung?
Von gewichtsbezogener Diskriminierung spricht man, wenn Menschen aufgrund ihres Gewichts ungleich behandelt werden. Hier eine kurze Zusammenfassung der Bereiche in denen es nachweislich zu Benachteiligung kommt, wenn Personen von Adipositas betroffen sind:
(Adipositas meint einen Body-Mass-Index über 30. Der BMI wird bereits stark diskutiert, er wird jedoch häufig in Untersuchungen noch herangezogen.)
Arbeitsplatz
- Weniger Vorstellungsgespräche, weniger repräsentative Funktionen
- Adipöse Menschen werden im Vergleich zu Normalgewichtigen mit vergleichbarer beruflicher Qualifikation weniger häufig eingestellt
- Geringere Vergütungen und Kündigungen aufgrund von Adipositas
Gesundheitswesen
- Stigmatisierende Einstellungen liegen leider auch häufig bei Berufsgruppen vor, die professionell mit der Gewichtsreduktionstherapie betraut sind (z.B.: Ärzt*Innen, DGKS/DGKP, Diätolog*Innen,..)
- Eine zielführende Therapie ist unter diesen Voraussetzungen erschwert bzw. nicht möglich
Öffentlicher sozialer Bereich
- Geringere Chancen bei der Anmietung von Wohnraum, Adoptionsverfahren
- Enge Sitzgelegenheiten im Theater, Flugzeug,..
Medien
- Negative Darstellung in Medien
- Weniger übergewichtige/adipöse Menschen generell in den Medien zu sehen
- Wenn dann werden sie selten attraktiv gezeigt, sie haben in Filmen weniger romantische Interaktionen, werden oft lächerlich gemacht,..
Welche Folgen hat das?
Gewichtsbezogene Diskriminierung ist nicht nur eine unangenehme Alltagserfahrung – sie kann gesundheitliche und psychische Auswirkungen haben, unter anderem:
- geringeres Selbstwertgefühl
- sozialer Rückzug
- Entwicklung oder Verschlimmerung von Essstörungen
- Binge Eating und emotionales Essen als Bewältigungsstrategie
- höhere Stressbelastung, Angstzustände und depressive Symptome
- Vermeidung von Ärzt*innenbesuchen aus Angst vor Stigmatisierung
- verzögerte Diagnosen und verschlechterte körperliche Gesundheit
Auch im Gesundheitswesen ein Problem
Besonders erschreckend ist, dass gewichtsbezogene Diskriminierung nicht selten auch von Fachpersonal ausgeht. Obwohl in Aus- und Weiterbildungen gelehrt wird, empathisch und vorurteilsfrei zu arbeiten, berichten viele Betroffene von stigmatisierenden Aussagen, oberflächlicher Untersuchung oder der pauschalen Empfehlung „Nehmen Sie ab“ – ohne die eigentliche Ursache der Beschwerden zu prüfen.
Was können wir alle tun?
- Zuhören und ernst nehmen – Erfahrungen nicht herunterspielen.
- Vorurteile hinterfragen – Was weiß ich wirklich über die Person?
- Solidarität zeigen – im Alltag einschreiten, wenn diskriminierende Kommentare fallen.
- Chancengleichheit fördern – im Beruf, in Vereinen und im privaten Umfeld.
- Sprache achtsam wählen – respektvolle Formulierungen verwenden.
- Körpergewicht und -aussehen nicht kommentieren (auch nicht als Scherz oder wenn es positiv gemeint ist)
Fazit
Gewichtsbezogene Diskriminierung hilft niemandem – im Gegenteil: Sie schadet.
Wenn wir aufhören, vorschnell in Schubladen zu denken, schaffen wir Raum für Respekt, Verständnis und echte Chancengleichheit.

Quellen:
- Herpertz, S., de Zwaan, M., & Zipfel, S. (Hrsg.). (2015). Handbuch Essstörungen und Adipositas (2. Aufl.). Springer Verlag.
- Puhl, R. M., et al. (2017). Experiences of Weight Teasing in Adolescence and Weight-related Outcomes in Adulthood: A 15-Year Longitudinal Study. Obesity, 25(9), 1730–1736.
- Pont, S. J., et al. (2017). Stigma Experienced by Children and Adolescents With Obesity. Pediatrics, 140(6), e20173034.
- Bacon, L., & Aphramor, L. (2011). Weight Science: Evaluating the Evidence for a Paradigm Shift. Nutrition Journal.
- Puhl, R. M., & Latner, J. D. (2007). Stigma, Obesity, and the Health of the Nation’s Children. Psychological Bulletin.
- Tylka, T. L., & Wilcox, J. A. (2006). Are intuitive eating and eating disorder symptomatology opposite poles of the same construct? Journal of Counseling Psychology.
