
Warum uns das Thema Essstörungen alle angeht: Über Unterstützung, Prävention und die Macht unserer Worte
Am 2. Juni blickt die Welt auf ein Thema, das viel zu oft im Verborgenen bleibt: Es ist der Welttag der Essstörungen. Wenn wir an Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating-Störungen denken, haben wir meist klinische Bilder im Kopf. Wir denken an eine individuelle, medizinische Diagnose. Was wir dabei oft vergessen: Sie entstehen, wachsen und gedeihen in unserer Mitte – inmitten einer Gesellschaft, die Diätwahn feiert und den Wert eines Menschen an seiner Körperform misst.
Deshalb ist dieser Tag kein reiner „Aktionstag für Betroffene“. Er ist ein Weckruf an uns alle. Denn Essstörungen und deren Prävention sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Die unsichtbaren Trigger in unserem Alltag
Wie oft haben wir Sätze gehört wie: „Ich war heute schon joggen, daher darf ich mir jetzt XY gönnen“ oder „Du hast aber toll abgenommen, Respekt für deine Disziplin!“ oder „Ohje.. Du hast dich aber etwas gehen lassen in letzter Zeit“.
In unserer Kultur sind solche Aussagen völlig normaler Smalltalk. Doch für Menschen, die mit einer Essstörung kämpfen, oder für Jugendliche, deren Körperbild sich gerade erst formt, sind diese Worte brandgefährlich. Sie transportieren zwei toxische Botschaften:
- Essen muss durch Leistung oder Verzicht „verdient“ werden.
- Ein dünnerer Körper ist automatisch ein besserer, erfolgreicherer Körper.
Unterstützung und Prävention gehen Hand in Hand
Das Schöne ist: Wir sind dieser Dynamik nicht hilflos ausgeliefert. Wir können die Regeln ändern. Indem wir achtsamer kommunizieren, schlagen wir die perfekte Brücke zwischen der Unterstützung von Betroffenen und aktiver Prävention.
- Wir müssen aufhören, Essen zu moralisieren: Essen ist Treibstoff, Kultur und Genuss. Es ist weder „gut“ noch „böse“. Wenn wir Diät-Talk und Kommentare wie „Isst du das wirklich alles?“ vom Esstisch verbannen, nehmen wir Betroffenen den enormen Druck und verhindern schmerzhafte Trigger. Gleichzeitig lernen nachfolgende Generationen, dass Essen nicht mit Schuldgefühlen verknüpft sein muss.
- Wir müssen das Gewicht entkoppeln und aufhören das Gewicht zu kommentieren: Ein Gewichtsverlust kann die Folge einer schweren depressiven Phase sein; eine Gewichtszunahme das Ergebnis eines harten, mutigen Kampfes in der Heilungsphase einer Essstörung. Gewichtskommentare – auch wenn sie positiv gemeint sind – werfen den Fokus immer wieder auf das Äußere. Wenn wir das lassen, nehmen wir den gesellschaftlichen Druck, einem vermeintlichen Ideal hinterherzujagen. Komplimente für den Charakter, Talente und Taten stärken das echte, innere Selbstwertgefühl.
- Wir müssen aufhören, uns selbst schlechtzureden: Jedes Mal, wenn wir vor dem Spiegel seufzen oder über unsere eigenen Oberschenkel, Bauch,.. schimpfen, schaut jemand zu. Vielleicht eine Freundin, vielleicht das eigene Kind. „Fat Talk“ ist ansteckend. Ein respektvoller Umgang mit dem eigenen Körper ist das beste Vorbild, das wir senden können.
Wir sind das Umfeld
Wir können die Schönheitsindustrie oder die Algorithmen von Social Media nicht von heute auf morgen verändern. Aber wir können kontrollieren, wie wir in der Küche, am Kaffeetisch im Büro oder im Gruppenchat miteinander umgehen.
Jeder Kommentar, den wir uns verkneifen, weil wir merken, dass er triggernd sein könnte und nicht zielführend ist und jedes bewertungsfreie Gespräch ist ein Schritt hin zu einer gesünderen, empathischeren Welt. Wir sind das Umfeld derer, die kämpfen. Lass uns ein sicheres Umfeld sein. Fangen wir am besten gleich heute damit an.
Hier findest du beispielsweise Hilfe in Vorarlberg & Österreich:
Caritas Vorarlberg – Fachstelle für Essstörungen
ifs Vorarlberg – Institut für Sozialdienste
Österreichische Gesellschaft für Essstörungen
Oder melde dich gerne bei mir für individuelle Hilfe und Empfehlungen. 💛
